Das “Web 2.0″ in sozialethischer Perspektive

Mittwoch, 26. März 2008 |  Autor:

Handelt es sich beim Web 2.0 („Social Web“) um einen Forschungsgegenstand der (christlichen) Sozialethik?1 Welche Fragen wären zu stellen und wie könnte ein Forschungsdesign aussehen?

Das neue Netz wird in einem sozialethischen Ansatz vor allem als soziales Phänomen zu untersuchen sein. Eine deutliche Absage an technikzentrierte und allein ökonomische Analysen bedeutet dabei nicht, dass nicht auch Technik und Ökonomie mit diesen sozialen Phänomenen in Zusammenhang stehen. Es interessieren also soziale Prozesse der Online-Kommunikation, die einer Forschung zugänglich sind, wenn

„man kollektiv geteilte Gebrauchsweisen oder Praktiken untersucht, in denen individuelle und strukturelle Elemente zusammen fließen“ (Schmidt 2006: 38).

Dieser sozialwissenschaftliche „praxistheoretische“ Zugriff startet mit der Erkenntnis,

„dass sich in der Nutzung von Social Software Verwendungsgemeinschaften herausbilden, das heißt Gruppen von Personen, die eine Anwendung in ähnlicher Art und Weise nutzen“ (Schmidt 2006: 38 unter Rückgriff auf Höflich 2003).

Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken damit Regeln und Regelmäßigkeiten, also Strukturen, die nicht nur „vorschreibend“ wirken und als „außerhalb von Akteuren vorfindlich“ interpretiert werden, sondern auch als symbolischer Horizont fungieren, innerhalb dessen Handelnde Handlungen und Ereignisse im Internet mit Bedeutung versehen.

Das Social Web oder Web 2.0 wird also als eine „Struktur“ verstanden, die (teil-) öffentliche Online-Kommunikationen als situierte und kreative Handlungen2 ermöglicht und stabilisiert. Dabei ist die Struktur zwar in gewisser Weise dem Handeln vorgängig, aber laufend veränderbar und empirisch weniger zugänglich als die Handlungen und Verwendungspraktiken.

Eine empirische Erhebung und Analyse der Handlungen und Verwendungspraktiken führt Jan Schmidt zur Formulierung einer inzwischen oft zitierten funktionalen Trias der Social-Web-Nutzung (vgl. Schmidt 2006a: 172f.). Aus der Forschungsperspektive der Sozialethik lässt sich das unter Rückgriff auf Schmidt (vgl. z.B. auch hier) so formulieren: Der sozialethische Blick auf das Web 2.0 interessiert sich für Regeln, Normen, Strukturen, Strategien, Routinen und Erwartungen

  • „für die Selektion und Rezeption von Informationen, die das Informationsmanagement beeinflussen“,
  • „für „die Präsentation des eigenen Selbst im Internet, die das Identitätsmanagement beeinflussen“,
  • „für Aufbau und Pflege von Netzwerken, die das Beziehungsmanagement beeinflussen“ (Schmidt 2006: 39).

Diese sozialen „Praktiken des Gebrauchs“ (Schmidt 2006: 39) werden durch eine „Struktur“ („Social Software“) ermöglicht und bringen diese hervor. Die konkreten Verwendungsweisen sind dabei abhängig von Erfahrungen anderer Formen des Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagements und knüpfen an an die Nutzung anderer öffentlicher Kommunikationsgelegenheiten. Sie sind eingebettet in weitere soziale Zusammenhänge. Studenten, Wissenschaftler und Politiker nutzen diese Strukturen also in ganz unterschiedlicher Weise.

Der mit Web 2.0 oder Social Web umschriebene sozialethische Forschungsgegenstand versteht also das Web 2.0 als „diejenigen onlinebasierten Anwendungen, die Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement in den (Teil- )Öffentlichkeiten hypertextueller und sozialer Netzwerke unterstützen“ (Schmidt 2008: 71) – jedenfalls erscheint das als gangbarer Weg.

Diese funktionale Trias ist dabei, wenn ich das richtig verstehe, keine normative Setzung, sondern eine interpretative Leistung empirischer Untersuchungen gemeinsamer Verwendungsweisen, zum Teil auch aus Selbstaussagen von Nutzerinnen und Nutzern. Dennoch könnte hier (neben und zusammen mit der der sozialwissenschaftlichen Herangehensweise) auch eine sozialethische Fragestellung anknüpfen:

Menschen erfahren normative Ansprüche an ihr Kommunizieren und Handeln vermehrt in den mit der funktionalen Trias der Social-Web-Nutzung beschriebenen spezifischen Situationen des “social web”; ihnen ist die Gestaltung des Lebens und die Bewältigung dieses Projektes in diesen konkreten Fällen aufgegeben. Wo heute Informations-, Identitäts- und Beziehungsmangement „prekär“ werden, stellt das Social Web eine (knappe?) soziale Beteiligungsressource dar. Das ist im Prinzip, wie an anderer Stelle ausgeführt (vgl. Filipović 2007), eine Frage sozialer Gerechtigkeit. In Zeiten, in denen sich das Verhältnis von Lokalität und Globalität3, Privatheit und Öffentlichkeit, Intimität und Distanz 4, Sicherheit und Unsicherheit und Vertrautheit und Vertrauen neu sortiert bzw. die integrative Bewältigung dieser Aspekte (um nicht von Polen oder Dichtomien zu sprechen) eine „Aufgabe“ darstellt, deren Bearbeitung in neuen Sozialformen stattfindet, wird eine Sozialethik öffentlicher Kommunikation, die die kommunikativen Formen im Web 2.0 berücksichtigt und eigens untersucht, in neuer Weise relevant.

Diese sozialethisch-problemorientierte Perspektive lässt sich abschließend folgender Maßen veranschaulichen:

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Literatur

  • Boyd, Danah (2005): Why Web2.0 Matters: Preparing for Glocalization. Online verfügbar unter http://www.zephoria.org/thoughts/archives/2005/09/05/why_web20_matte.html, zuletzt geprüft am 05.08.2006.
  • Filipović, Alexander (2007): Beteiligungsgerechtigkeit als (christlich-)sozialethische Antwort auf Probleme moderner Gesellschaften. In: Eckstein, Christiane; Filipović, Alexander; Oostenryck, Klaus (Hg.): Beteiligung, Inklusion, Integration. Sozialethische Konzepte für die moderne Gesellschaft. Münster, Westf.: Aschendorff (Forum Sozialethik, 5), S. 29–40.
  • Höflich, Joachim R. (2003): Mensch, Computer und Kommunikation. Theoretische Verortungen und empirische Befunde. Frankfurt am Main: Lang.
  • Joas, Hans (1999): Einleitung: Schritte zu einer pragmatistischen Handlungstheorie. In: Joas, Hans: Pragmatismus und Gesellschaftstheorie. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7-22.
  • Reichelt, Leisa (2007): Ambient Intimacy. Online verfügbar unter http://www.disambiguity.com/ambient-intimacy/, zuletzt aktualisiert am 01.03.2007, zuletzt geprüft am 20.02.2008.
  • Schmidt, Jan (2006): Social Software: Onlinegestütztes Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 19, H. 2, S. 37–47.
  • Schmidt, Jan (2006a): Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. Konstanz: UVK.
  • Schmidt, Jan (2008): Zu Form und Bestimmungsfaktoren weblogbasierter Netzwerke. Das Beispiel twoday.net. In: Stegbauer, Christian (Hg.): Social Software. Formen der Kooperation in computerbasierten Netzwerken. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss., S. 71–93.

Disclaimer: Dieser Artikel steht im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt “Social Software and Social Ethics“, das am Lehrstuhl Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie an der Uni Bamberg (Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins) unter meiner Leitung durchgeführt wird. Vgl. die Einträge in diesem Blog zum Forschungsprojekt unter dem Stichwort “SocSoftEthics


1 Zur Skizze einer Beantwortung dieser Frage setze ich ein gewisses Verständnis von “Sozialethik” voraus (vgl. z.B. hier ). Teile dieses Postings gehen zurück auf meinen Vortrag zum Thema “Sozialethische Herausforderungen des Web 2.0″ bei dem “Berliner Werkstattgespräch der Sozialethiker(innen)” (27.02.2008, Katholische Akademie, Berlin:)

2 In dieser Formulierung deutet sich an, dass ich von einem pragmatistischen Handlungsbegriff ausgehe, vgl. dazu Joas 1999.

3 “Web2.0 is about glocalization, it is about making global information available to local social contexts and giving people the flexibility to find, organize, share and create information in a locally meaningful fashion that is globally accessible.” (Boyd 2005)

4 “Ambient intimacy is about being able to keep in touch with people with a level of regularity and intimacy that you wouldn’t usually have access to, because time and space conspire to make it impossible.” (Reichelt 2007)

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Thema: (Sozial)Ethik, Medienethik, Social Software and Social Ethics, Tagungen

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6 Kommentare

  1. 1
    Jan 

    Ah, spannend, die eigenen Gedanken zusammengefasst zu lesen.. :)

    “Diese funktionale Trias ist dabei, wenn ich das richtig verstehe, keine normative Setzung, sondern eine interpretative Leistung empirischer Untersuchungen gemeinsamer Verwendungsweisen, zum Teil auch aus Selbstaussagen von Nutzerinnen und Nutzern.”

    Ja, bzw. eine analytische Abstraktion aufgrund von Interviews und Beobachtungen meinerseits, um Nutzungsepisoden (bzw. Aspekte von N.Episoden) zu benennen, die sich in unterschiedlichen Situationen und/oder in unterschiedlichen Anwendungen finden lassen.
    Ich sitze übrigens gerade mit Kollegen an einem kleinen Text zu Medienkompetenzen im Web 2.0, da will ich versuchen, das Verhältnis von Inf.-, Bez.- und Id.managament nochmal aufzuklamüsern. Ich kann ihn Dir ja mal zuschicken.

  2. 2
    Alexander Filipović 

    Gern, freue mich drauf! Was mir da noch einfällt: Bez.- und Identitätsmanagement hängen enger miteinander zusammen, als die beiden jeweils mit Informationsmanagement. Wenn das stimmt, ist die Trias ein wenig asymmetrisch…

  3. 3
    Jan 

    Ja, das ist richtig; Id und bezmgmt betreffen beide die Rolle des Nutzers als “Produzenten” (in einem weiten Sinn) von Informationen/Daten/…, und sind auch schwerer voneinander zu trennen, da Id.management in der Regel in Bezug auf ein (vorgestelltes oder tatsächliches) Publikum/Bezugspersonen geschieht; Ergebnisse von Bez.mgmt (Kontakt/Freundeslisten, Blogrolls, etc.) geben wiederum zu einem gewissen Grad Aufschluß über die Persönlichkeit und die Interessen einer Person. Inf.mgmt betrifft dagegen eher die Rolle des Rezipienten.
    Genau über den Punkt will ich für den Aufsatz nochmal nachdenken… :)

  4. 4
    Jan 

    Ich hab grad nochmal über die Trennung der drei Aspekte entlang der Rollen “Produzent” (Id, Bez) und “Rezipient” (Inf.mgmt) nachgedacht – weil Benedikt Köhler (http://blog.metaroll.de/2008/03/27/ueber-twitter-identitaets-beziehungs-und-wissensmanagement-mit-microbloggingdiensten/) in Bezug auf Microblogging auch mit den drei Begriffen arbeitet: Er wendet “Informationsmanagement” darin auch eher aktiv-produzierend, nämlich als Leistung, die ein Nutzer für andere erbringt, bspw. durch das Selektieren/Filtern von Nachrichten und Links im eigenen Blog. Auch das muss ich nochmal voll durchdenken, evtl. wird das analytische Raster aber “schöner”, wenn man alle drei Aspekte als Facetten einer aktiven Nutzung, des “ins Internet schreibens”, auffasst.

  1. [...] »Eine kurze, spannende Skizze, weshalb das Web2.0 ein legitimer Gegenstand sozialethischer Forschungen ist, hat Alexander Filipovic veröffentlicht. [...]

  2. [...] zu dem vorigen Beitrag liefere ich hier vor allem für die Kollegen, die meinen Vortrag beim “Berliner [...]

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