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Lolfbmoments, Lamebook und Socialfail als “Pleiten, Pech und Pannen” des Web 2.0-Zeitalters

Donnerstag, 14. Oktober 2010 | Autor:

Ganz verschwiegen hatte ich bisher mein Interview bei Radio Fritz im Juli 2010. Radio Fritz ist der Jugendsender vom rbb und die Sendung, in der ich interviewt wurde, heißt “Trackback“, eine sehr interessante Sendung rund um Internetthemen (Folge 186, hier zum Hören, ca. 23:19-28:45). Es ging um eine medienethische Bewertung von Seiten, die mehr oder weniger peinliche und lustige Facebook-Einträge und -Fotos auf ihre Seiten hochladen; quasi ein Failblog.org nur für Fails in Sozialen Netzwerken. Ein Beispiel (von failblog.org) hier und eine Zusammenstellung mehrer Beispiele bei den blog.rebellen hier.

Der Moderator der Sendung wollte ein bißchen den erhobenen Zeigefinger haben, was ja nun eigentlich nicht meine Idee von Medienethik ist. Klar ist, dass die Grenze dort gezogen werden muss, wo Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Das ist aber selten der Fall, da die Namen und Bilder meist gut unkenntlich gemacht werden. Hängen geblieben ist vielleicht meine Idee, dass diese Seiten eine Weiterentwicklung der “Pleiten, Pech und Pannen”-Shows sind. Dahinter steckt der Gedanke, dass die Missgeschicke des Alltags erst durch die Videokamera aufbewahrt und weitergegeben werden konnten. Im Alltag des Social Webs entstehen ähnliche Missgeschicke, die natürlich eher kommunikativer Slapstick sind. Der Screenshot ist also die Technik der Aufbewahrung und Seiten wie socialfail.de die Sendung analog zu “Pleiten, Pech und Pannen” (ohne Raabe und ohne Max Schautzer).

Ein Kommentar noch zum Radiointerview  selbst: Die eigene Stimme zu hören ist wie immer sehr seltsam und man fragt sich, warum man eigentlich nicht wie gedruckt redet… Sam in einem Review der gleichen Sendung (auch sie wurde interviewt) ist also so ungefähr beizupflichten.

Thema: (Sozial)Ethik, Medienethik, Wissenschaft | Ein Kommentar

In Fachzeitschriften Artikel recherchieren und finden

Donnerstag, 9. September 2010 | Autor:

Forschungsergebnisse werden vor allem in selbständigen Büchern (Monographien, also z. B. Doktorarbeiten oder Konferenzbände) und wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht; jedenfalls gilt das für den Bereich der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer (und nur für die interessiere ich mich hier). Monographien zu einem bestimmten Thema findet man recht leicht (bspw. über die Bibliothekskataloge oder über Amazon). Schwieriger sind aber Zeitschriftenbeiträge zu finden. In Bibliothekskatalogen werden diese nicht (oder in den seltensten Fällen) erschlossen, so dass man z. B. meinen ( – Verzeihung -) Artikel “Die Kritik an der Unterscheidung von Sein und Sollen im Pragmatismus” in der Pädagogischen Rundschau nicht über die Suche in einem Bibliothekskatalog findet, auch nicht über die Stichworte “Pragmatismus” oder “Sein/Sollen”.

Dafür muss man in der Zeitschrift selber oder in Bibliographien suchen. Bedeutende Verlage von wissenschaftlichen Zeitschriften bieten zum Teil exczellente Suchmöglichkeiten in einzelnen Zeitschriften oder über ihr gesamtes Angebot an. Diese Suche ist von jedem Internetcomputer aus verfügbar. Über die Universitätsbibliothek bzw. aus den Netzen der Uni heraus sind diese Beiträge dann zumeist gleich als PDF abrufbar.

Bibliographien, also Datenbanken, in denen Zeitschriftenbeiträge nach Titel, Thema und Schlagworten erschlossen sind, sind dagegen manchmal nicht frei erreichbar, sondern unter Umständen auch nur aus dem universitäten Computernetz heraus. Der Vorteil dieser Bibliographien ist natürlich, dass sie manchmal abertausende von verschiedenen Fachzeitschriften in der Suche berücksichtigen.

Nun ja, für die Wissenschaftlerin und den Wissenschaftler ist das alles nicht neu, aber vielleicht für Newbees. Für beide aber ist vielleicht meine Liste interessant, anhand der ich so schaue, wenn ich zu einem Thema wissenschaftliche Artikel brauche (das ist natürlich auf meinen Bereich abgestimmt, ist aber für den gesamten geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich geeignet):

Bedeutende Journal-Anbieter und ihre Suchmaschinen:

Suchmaschinen bzw. Bibliographien über einzelne Anbieter hinweg:

Wer noch Hinweise hat, gerade zum Themenbereich Sozialwissenschaften, Sozialethik, Gesellschaftsethik, Theologische Ethik, Sozialphilosophie, Politische Philosophie, Philosophie…: Ich freue mich über Kommentare.

Thema: Allgemein, Wissenschaft | Beitrag kommentieren

Freundschaft im Web 2.0

Dienstag, 6. April 2010 | Autor:

Verändert sich unser Begriff von Freundschaft im Neuen Netz? Am 12.06.2010 bin ich zu einem Vortrag und der Leitung einer Gesprächsrunde zum Thema “Freundschaft im Web 2.0″ in die Kath. Akademie München eingeladen. Bei der Tagung geht es um “Freundschaft – Band fürs Leben. Aktualität einer besonderen Beziehung“. Es verspricht ein interessantes Programm zu werden, bisher ist aber noch nichts veröffentlicht worden (ich habe nur einen Entwurf gesehen).

Nun zeichnet Freundschaft sich ja durch Ortlosigkeit aus: Wir haben eine Intuition, was das ist und das es etwas Gutes ist, aber das Bezeichnete lässt sich schwer fassen (vgl. die Studie von Silvia Bovenschen “Die Bewegungen der Freundschaft”) und verflüssigt sich im Moment des (theoretischen) Zugriffs. Bei Luhmann kann man lernen, dass es um einen sozialen Begriff von Zusammengehörigkeit ging und in diesem Sinne “Freundschaft” eine doppelte Zielrichtung der Integration persönlicher wie auch sozialer Beziehungen hatte (hatte! – alles alteuropäische Semantik).1

In der modernen differenzierten Gesellschaft verliert Freundschaft in mindestens sozialer Hinsicht sein integrierendes Moment, ohne aber dabei das soziale Moment überhaupt einzubüßen. Nähe, auch körperliche Nähe (auch Männer umarmen ja ihre Freunde und klopfen sich zum Zeichen, dass die Umarmung abzubrechen ist, einander kräftig auf die Schulter…), Beziehung, die Tendenz, Sachverhalte und Probleme persönlich zu verhandeln, die Akzeptanz einer bestimmten Verpflichtung im Rahmen einer Freundschaft usw. prägen nicht mehr die Ordnung der Gesellschaft, bleiben aber natürlich persönlich relevant und beruhen natürlich auf sozialen Konventionen, Traditionen, Geschichten und Überlieferungen.

Ob das alles auch im Neuen Netz gilt? Ich vermute schon. Die Erwartungen an Freundschaften werden sich zwar verändern (wie sie es schon immer getan haben), aber die Netzartigkeit der Freundschaft wird zunächst nichts daran ändern, dass es sich immer noch um Freundschaften handelt.

Aber das sind nur erste Überlegungen. Ich habe zwei Texte, die mir weiterhelfen. Vielleicht hat der ein oder andere ja noch einen Hinweis:

  • Schmidt, Jan-Hinrik; Hasebrink, Uwe; Paus-Hasebrink, Ingrid (Hg.) (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Berlin: Vistas-Verl. (Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, 62), S. 268-277.
  • Schmidt, Jan-Hinrik (2009): Die Kinder von XING und ICQ. In: neue gespräche, H. 6, S. 14–17.

1 Vgl. dazu die interessante Studie: Kersten, Catrin (2008): Orte der Freundschaft. Berlin: Kulturverl. Kadmos (Kaleidogramme, 22)

Thema: (Sozial)Ethik, Medienethik, Philosophie, SocSoftEthics, Wissenschaft | 2 Kommentare

Ethik der Entwicklung – Call for Papers (Forum Sozialethik 2010)

Dienstag, 19. Januar 2010 | Autor:

Soeben ist der Call for Papers für die Tagung des Forums Sozialethik 2010 zum Thema “Ethik der Entwicklung” veröffentlicht worden.

Was ist das Forum Sozialethik?

Das Forum Sozialethik ist eine Initiative junger Sozialethikerinnen und Sozialethiker und dient dem Austausch von Nachwuchswissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen (Promotion, Habilitation, Privatdozenten und -dozentinnen) sowie fortgeschrittenen Studierenden des Faches Sozialethik im deutschsprachigen Raum. Interessierte benachbarter Disziplinen sind herzlich willkommen. Weitere Informationen unter www.forumsozialethik.de.

Alle weiteren Informationen auf der Tagungswebsite.

Thema: (Sozial)Ethik, Tagungen, Theologie, Wissenschaft | Beitrag kommentieren

Web 2.0 in der Perspektive kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit

Montag, 18. Januar 2010 | Autor:

öa kirchAm Freitag (15.01.2010) war ich zu Gast beim 7. Forum für kirchliche  Öffentlichkeitsarbeit (*.pdf) zum Thema “Web 2.0 – und was nun? Neue Kommunikationsinstrumente für die Gewinnung und Information von neuen Zielgruppen”. Leider konnte ich nicht die ganze Tagung besuchen, so habe ich Jan Schmidts Beitrag verpasst (seine Folien bei slideshare).

Selbst hatte ich die Aufgabe, einen Beitrag von Bischof Dr. Gebhard Fürst zu kommentieren. Bischof Fürst skizzierte (in seiner Funktion als Vorsitzender der publizistischen Kommission der DBK) die Position der Deutschen Bischofskonferenz zu den kirchlichen Bemühungen im Bereich der Neuen Medien. Vor allem setzen die Bischöfe auf Bewegtbilder und arbeiten an einer Plattform, auf der sie die Beiträge publizieren können; der Relaunch von www.katholisch.de steht wohl dieses Jahr bevor.

Mich verwirrt die starke Fokussierung auf Internet-TV ein bisschen, da ich mir nicht so recht vorstellen kann, wer das schauen soll. Allerdings gibt der Erfolg von gloria.tv denjenigen Recht, die dem Internet-TV im Bereich der Kirche eine gute Zukunft voraussagen.

In meinem Kommentar habe ich mich aber vor allem auf Soziale Netzwerke bezogen. Die katholische Kirche ist hier sehr verunsichert, wie da vorzugehen ist: Entweder mit allem Engagement hinein oder eher doch vorsichtig und abwartend. Ich habe im Kommentar versucht zu zeigen, das jede Institution es im Neuen Netz schwer hat und dies für die Institution Kirche vermehrt zutrifft. Es wäre also deutlicher zwischen institutionellen Bemühungen auf der einen und themen- und vor allem personenzentrierten Anstrengungen auf der anderen Seite zu unterscheiden. Für letztere Dimensionen sehe ich gute Möglichkeiten im Neuen Netz. Für diejenigen, die den Vortrag gehört haben, sind vielleicht die Folien interessant (slideshare).

Der Vortrag hat, so mein Eindruck, einen kleinen Startschuss geben können für eine sehr rege Diskussion über neue Formen der kirchlichen Kommunikation. Auch meine Idee einer Iphone-App, die den nächsten Gottesdienst in der Nähe anzeigt, ist offenbar auf fruchtbaren Boden gefallen. Zuetzt: Getwittert wurde auch sehr rege, auch zu dem Vortrag von Jürgen Pelzer.

Thema: SocSoftEthics, Tagungen, Theologie, Wissenschaft | 3 Kommentare

Programm für die Tagung vom Netzwerk Medienethik fertig

Donnerstag, 31. Dezember 2009 | Autor:

Programm 2010 bild So, gerade noch vor Jahresende ist das Programm der Jahrestagung 2010 des Netzwerkes Medienethik zum Thema “Ethik der Kommunikationsberufe: Journalismus, PR und Werbung” fertig geworden. Zusammen mit Christian Schicha, dem 1. Sprecher der DGPuK-Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik, habe ich Einreichungen geprüft und aus den ausgewählten Vorschlägen ein Programm gebastelt. Ich bin froh, dass so viele gute und interessante Vorträge zusammen gekommen sind und freue mich schon auf die Tagung im Februar in München.

Näheres steht auf der Tagungswebsite. Das Programm haben übrigens meine Freunde aus Ost-Westfalen gestaltet: Steffi und Jeldrik von “synpannier.”. Danke!

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Niklas Luhmann: Videos bei Youtube

Dienstag, 22. Dezember 2009 | Autor:

Vor einiger Zeit hatte ich ja schon mal hier auf einige Videos von Niklas Luhmann hingewiesen. Die Links funktionieren nicht mehr und ein Video ist neu hinzugekommen. Daher jetzt nochmal eine aktualisierte Version dieses Postings:

Einblicke in die frühe Phase gibt ein Luhmann-Interview von Ulrich Boehm aus dem Jahr 1973 (Uniaudimax, Sendung 28.08.1973, Kamera Bernd Maus) – immerhin 11 Jahre vor “Soziale Systeme”. Gerade im Vergleich mit den anderen Dokumentationen sehr interessant: z.B. ist das Büro in Oerlinghausen noch aufgeräumter und Luhmann muss bei der Beantwortung vom Zettel ablesen.  Dieses ganze Interview ist vollkommen in der Perspektive einer Rechtfertigung Luhmanns gegenüber seinen Kritikern durchgeführt. Die bekannten Kritikpunkte werden referiert und Luhmann antwortet darauf in seiner eigenen Art. Der Schlussteil des zweiten Teils: “Herr Prof. Luhmann, welche Kritiker Ihrer Systemtheorie fürchten Sie am meisten?” – “Die Dummen.” Hier die zwei Teile:

Eine Dokumentation, deren Herkunft nicht klar ist, ist etwas kurzweiliger: Sie zeigt Luhmann in seinem Bielefelder Büro und auf der Terasse vor einem ungemütlich aussehenden Stück Natur. Der zweite Teil konzentriert sich auf die systemtheoretische Behandlung der ökologischen Krise:

Ebenfalls Teil dieser Dokumentation scheint das Video zum berühmten Zettelkasten zu sein. Großartige Technik und großartig erklärt. Und wenn man am Ende Luhmann tippen sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass er so viel publizieren konnte.

Ein letztes Video (ein Neuzugang) ist der Anfang eines Vortrages von Luhmann mit dem Titel: Gibt es in unserer Gesellschaft noch unverzichtbare Normen? Vgl. Luhmann, Niklas (1993): Gibt es in unserer Gesellschaft noch unverzichtbare Normen? Heidelberg: C. F. Müller (Heidelberger Universitätsreden. 4). Hier ist der späte Luhmann zu sehen, der aber immer noch gerne grau trägt… Den vollständigen Vortrag kann man auch auf DVD kaufen (Link).

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Wohlfahrtsverantwortung?

Freitag, 3. Juli 2009 | Autor:

die-erosionIm Rahmen einer Arbeitstagung zum Thema “Die Erosion des Normativen. Fachtagung zu den Beschäftigungsverhältnissen in Wohlfahrts-verbänden” (01.10.2009, 10:00 – 18:00 Dorothee-Sölle-Haus, Königstr.54, Hamburg) geht es um die konkreten Arbeitsbedingungen in den kirchlichen Wohlfahrtsdiensten und um die für die Zukunft der gesellschaftlichen Wohlfahrtsorganisation relevanten gesellschaftspolitischen Fragen. Konkreter: Wenn Diakonie und Caritas zu „Sozialkonzernen“ unter unsicheren politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden… was bedeutet das für das Selbstverständnis dieser Verbände und allgemein für unseren Sozialstaat?

Veranstaltet wird die Tagung vom Hamburger Institut für Sozialforschung und der Evangelische Akademie der Nordelbischen Kirche.

Bei der Tagung halte ich einen Vortrag zum Thema “Was ist heute Wohlfahrtsveranwortung?”. Dabei geht es um die Frage, wer in der Verantwortung für die Wohlfahrt der Gesellschaft steht. Weder hat der Staat die alleinige Verantwortung noch kann alle Verantwortung auf die Einzelnen “geschoben” werden. Vielmehr ist sozialethisch (Subsidiarität und Beteiligungsgerechtigkeit!) von einer gestuften und verschränkten Verantwortungsteilung auszugehen.1 Mein Beitrag zielt also auf eine normative Unterfütterung der institutionellen christlichen Wohlfahrtstätigkeit und auf einen christlich-sozialethischen Beitrag zur Sozialstaatsdiskussion.

Nähere Informationen auf dieser Website und im Flyer (*.pdf). Vgl. auch die Ankündigung bei forumsozialethik.de.


1 Vgl. Heimbach-Steins, Marianne (2007): Wohlfahrtsverantwortung. Ansätze zu einer sozialethischen Kriteriologie für die Verhältnisbestimmung von Sozialstaat und freier Wohlfahrtspflege. In: Dabrowski, Martin; Wolf, Judith (Hg.): Aufgaben und Grenzen des Sozialstaates. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh, S. 9–42.

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Christliche Sozialethik als Wirklichkeitswissenschaft – Grundlagen

Freitag, 8. Mai 2009 | Autor:

Christliche Sozialethik als Wirklichkeitswissenschaft zu beschreiben, entspricht zunächst nicht einer üblichen Terminologie. Eine ethische Disziplin als Wirklichkeitswissenschaft zu beschreiben mag sogar irritieren, da es die Ethik doch nicht dem Sein (dem real Gegebenen), sondern mit dem Sollen (dem idealen Richtigen und Guten) zu tun hat.

Die Sozialethik betrachtet das Soziale (zunächst kann offen bleiben, was damit gemeint ist) als ihren Gegenstand (materiale Spezifität der Sozialethik) oder geht moralische Fragen das Soziale betreffend anders an (formale Spezifität der Sozialethik).1 Wichtig ist es aber so oder so, die Analyse des Sozialen systematisch von normativen Vorschlägen zur Verbesserung der Gesellschaft zu trennen.

Diese Analyse oder Wahrnehmung des Sozialen stellt selbst eine Schwierigkeit dar. Mit welchen Mitteln und Methoden nehmen wir das Gesellschaftliche wahr, welche Begriffe und Theorien werden benutzt? Nach welchen Kriterien ist hier aus der Vielzahl an Angeboten auszuwählen? Bedeutsam ist in diesem Kontext, dass sich eine Analyse und Wahrnehmung nicht einfach in einer reinen Darstellung erschöpfen kann. Eine rein objektive Darstellung des Sozialen ist nicht möglich, weil eine Darstellung immer auswählen muss und gewichtet. Wahrnehmung und Analyse ist immer vor allem ein Verstehensprozess. Wenn es im wissenschaftlichen Kontext um Verstehen geht, dann spricht man von Hermeneutik im Sinne einer Methodik, die die Voraussetzungen und Bedingungen des Verstehens in bestimmten Fällen auszuweisen versucht.

An dieser Stelle kann das typisch Christliche der christlichen Sozialethik gesucht und gefunden werden. Das Christliche lässt sich als eine bestimmte Weise der Selbst- und Weltwahrnehmung beschreiben und das heißt, dass die Christliche Sozialethik die Wirklichkeit in bestimmter Weise wahrnimmt, beschreibt, analysiert, versteht und erklärt. Diese bestimmte Weise der Wahrnehmung kann dann als christliche Hermeneutik beschrieben werden. Christliche Sozialethik hat sozusagen andere Antennen, einen anderen Empfänger und ein anderes Wiedergabegerät für den Weltempfang als Philosophen, Künstler oder Journalisten. Dabei geht es nicht in erster Linie um besser oder schlechter oder wahr und falsch. Es geht vielmehr um die inhaltlichen Überzeugungen christlich gläubiger und geprägter Menschen, die dazu führen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Es gibt dabei keinen christlichen Anspruch, die Welt anders als andere sehen zu wollen, sondern Christen sind überzeugt davon, dass andere Weltwahrnehmungen ihr eigenes Recht haben und diese letztlich und im Grunde kompatibel sind mit der christlichen Weise. Dennoch treten Christinnen und Christen mit dem Anspruch auf, ihre spezifische Aufmerksamkeit, mit der sie die Welt erfahren, ist wichtig und unverzichtbar.

Diese Optionen der Aufmerksamkeit, mit der die christliche Sozialethik das Soziale betrachtet, lassen sich so beschreiben: Es ist im Wesentlichen die Aufmerksamkeit für “Unterdrückte, Benachteiligte und Marginalisierte” und “für gefährdete Institutionen des Humanen” (Mandry 2002, S. 507).2

Wenn die christliche Sozialethik in dieser Weise auf das Soziale schaut, ergeben sich ganz bestimmte Problemfelder und Problemlagen. Das Soziale wird zugleich mit seinen Strukturen und Institutionen und in seiner zeitlichen Dimension betrachtet. Die “Zeichen der Zeit” des (welt-)gesellschaftlichen Lebens stehen dann für diese aktuellen gesellschaftlichen Problemfelder und Problemlagen, z.B. die Klimakatastrophe mit ihren Folgen für weltweite soziale Gerechtigkeit, die Situation der Bildung in Deutschland mit ihren fatalen Folgen für Kinder aus den armen und augeschlossenen Familien oder die Möglichkeiten und Gefahren moderner biomedizinischer Forschung.

Diese Sozialanalyse in Orientierung an den “Zeichen der Zeit” ist essentiell für eine moderne christliche Sozialethik, die da ansetzen muss, wo sich ihre Vorschläge zur Verbesserung gesellschaftlicher Zustände auch bewähren sollen: in der Wirklichkeit.3

Damit sind die Grundlagen angedeutet, warum Christliche Sozialethik als Wirklichkeitswissenschaft beschrieben werden kann. Hier wurde aber noch nicht behandelt, dass die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf verschiedene Quellen zurückgreifen und auf verschiedene Art und Weise geschehen kann. Die Frage nach dem Wie der gesellschaftlichen Wirklichkeitswahrnehmung ist noch kaum beantwortet. Es ist dafür (an anderer Stelle) zu differenzieren zwischen wissenschaftlichen Darstellungen und ästhetischer, religiöser und alltäglicher Erfahrung.

Literaturverzeichnis

  • Filipovic, Alexander (2009 (im Druck)): Die Eigenlogik Christlicher Sozialethik und das interdisziplinäre Gespräch. In: Heimbach-Steins, Marianne; Kruip, Gerhard; Kunze, Axel-Bernd (Hg.): Menschenrecht auf Bildung. Maßstab für die Bildungspolitik in Deutschland. Bielefeld: W. Bertelsmann (Forum Bildungsethik, 6).
  • Hausmanninger, Thomas (2002): Grundlegungsfragen der Christlichen Sozialethik als Strukturenethik auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften, Jg. 43, S. 185–203.
  • Heimbach-Steins, Marianne (2004): Biblische Hermeneutik und christliche Sozialethik. In: Heimbach-Steins, Marianne (Hg.): Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch. Bd. 1. Grundlagen. Regensburg: Pustet, S. 83–110.
  • Höhn, Hans-Joachim (1991): Im Zeitalter der Beschleunigung. In: Furger, Franz; Heimbach-Steins, Marianne (Hg.): Perspektiven christlicher Sozialethik. Hundert Jahre nach Rerum Novarum. Münster: Regensberg, S. 283–302.
  • Mandry, Christof (2002): Art. Theologie und Ethik (kath. Sicht). In: Düwell, Marcus; Hübenthal, Christoph; Werner, Micha H. (Hg.): Handbuch Ethik. Stuttgart, Weimar: Metzler, S. 504–508.
  • Mieth, Dietmar (2002): Art. Sozialethik. In: Düwell, Marcus; Hübenthal, Christoph; Werner, Micha H. (Hg.): Handbuch Ethik. Stuttgart, Weimar: Metzler, S. 500–504.

1 Für die erste Variante kann die Münchener Schule im Gefolge Korffs gelten, z.B. (Hausmanninger 2002), die zweite Sichtweise wird z.B. bei Mieth deutlich, vgl. (Mieth 2002), S. 503: Sozialethik “ist das Ganze der Ethik auf eine bestimmte, institutionenbezogene Weise”. Die Problematik des Eigenen des sozialethischen Zugriffs halte ich für eine wichtige und größtenteils offene Grundlagenfrage der Christlichen Sozialethik (vgl. (Filipovic 2009 (im Druck))).

2 Diese Optionen finden sich in der Bibel, vgl. zu Bibel und christlicher Sozialethik (Heimbach-Steins 2004).

3 Vgl. (Höhn 1991), S. 288-290.

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Medien, Technik und Bildung

Montag, 19. Januar 2009 | Autor:

Medien, Technik und BildungHeute kam mit der Post mein Belegexemplar des Buches “Medien, Technik und Bildung” (hg. von Michael Wimmer,  Roland Reichenbach und Ludwig Pongratz; Verlagsseite, Amazon). Sehr interessante Beiträge versammeln sich hier, die vor allem medien- und bildungstheoretisch von Interesse sein können. Der Klappentext:

“Medien sind zu einem Thema geworden, das als inhaltliche Querdimension alle Sparten der Erziehungswissenschaft betrifft. So ist das Verhältnis zwischen Medien, Technik und Bildung einerseits zwar ein zentraler Bezugspunkt der erziehungswissenschaftlichen Diskussion. Andererseits bleiben aber dabei der Medienbegriff sowie sein innerer Zusammenhang mit dem Bildungsbegriff zumeist diffus und widersprüchlich. Das Konzept der »Medienkompetenz« als Antwort auf die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erscheint deshalb unzureichend. Ziel dieses Bandes ist es, die Bedeutung der neuen Medientechnologien und ihre Herausforderungen für die Pädagogik zum Gegenstand der bildungsphilosophischen Analyse und Diskussion zu machen.

Trotz des aufgeklärten Bewusstseins über die Wichtigkeit und die Bedeutung der neuen Medien sind die bildungstheoretischen Implikationen bisher nur unzureichend bedacht worden. Die in diesem Band versammelten Beiträge nähern sich diesen Fragen in vier Zugängen, in denen jeweils verschiedene Relationen im Zentrum stehen: Medien und Technik, Medien und Bildung, Film und Bildung sowie Medien und Ethik.”

Der Band präsentiert die Beiträge der Herbsttagung der Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie in der Sektion Allgemeine Erziehungswissenschaft der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Thema der Tagung: “Medien, Technik und Bildung” (1.-3.10.2007).

Mein Beitrag in dem Band (Filipović, Alexander (2009): Literacy und die Bedeutung gesellschaftlicher Beteiligung. Medien- und bildungsethische Überlegungen. In: Wimmer, Michael; Reichenbach, Roland, Pongratz, Ludwig (Hrsg.): Medien, Technik und Bildung. Paderborn: Schöningh (Schriftenreihe der Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie der DGfE) S. 159-173) thematisiert die Bedeutung von Medien für die gesellschaftliche Inklusions- bzw. Exklusionsproblematik. Über eine Schärfung des Begriffs “literacy” wird gezeigt, dass medien- und bildungsethische Überlegungen integriert werden können. Als normativer Schlüssel für beide Bereiche fungiert die Frage nach der Gerechtigkeit gesellschaftlicher Partizipation (Beteiligungsgerechtigkeit). Damit wird auch versucht, den Status der Medienethik als wissenschaftliche Disziplin zu klären und ihre interdisziplinären Anknüpfungspunkte aufzuzeigen. Weitere Informationen dazu hier.

Thema: (Sozial)Ethik, Bildung, Medienethik, Philosophie, Tagungen, Veröffentlichungen, Wissenschaft | Beitrag kommentieren